zauberhafte Theaterluft

Nicht genug, dass „Hello Dolly“ gar nicht mehr so lang läuft – nach 4 Vorstellungen ist's schon vorbei – nein, die Abstände zwischen den Aufführungen werden immer länger und ich kann nur noch einmal die Woche Bühnenluft schnuppern.
Ja, ich könnte auch an den anderen Wochentagen am Abend ins Theater oder in die Oper gehen, das ist schon richtig. Nur ist es eine Sache, Zuschauer zu sein aber eine ganz andere, irgendwie Teil dessen zu sein, was auf der Bühne passiert...
Ein Erklärungsversuch:
Zuerst einmal ist da die Fahrt zum Opernhaus. Ich sehe in der Straßenbahn viele herausgeputzte Menschen, die über die Vorstellung sprechen, zu der sie gerade unterwegs sind. Von Bekannten hätten sie dies und das darüber gehört und es würde bestimmt ein sehr schöner Abend werden. Und zwischen diesen potenziellen Besuchern sitze ich und lächle still in mich hinein, weil ich ja schon weiß, was sie erwarten wird und mir sicher bin, dass sie einen schönen Abend haben werden. Ein bisschen fühle ich mich, als würde ich ein großes Geheimnis bewahren...
Und wenn ich dann durch die Bühneneingangstür gegangen bin, den Portier begrüßt habe, und die nächste Tür in Richtung Hinterbühne aufmache, hole ich einmal gaaaanz tief Luft – meine Dosis Theaterluft :) In dieser Theaterluft liegt für mich immer eine gewisse Magie und Spannung, gewürzt mit einer Prise Theaterschminke- und Kostümduft.
Den Zuschauerraum kenne ich ja schon von der Probenzeit; ...wenn er leer ist (bis auf die paar Sitze, auf denen der Regisseur und „sein“ Team platz nehmen), sieht er irgendwie traurig aus. Vor allem dann, wenn er auch noch hell erleuchtet ist und jeder ein und aus geht, ohne dass es etwas besonderes wäre. Es ist eben die alltägliche Arbeit...
Aber am Abend der Vorstellung ist der Zuschauerraum gefüllt mit einem erwartungsfreudigen Publikum und festlich erleuchtet. Hinter der Bühne hört man das Brummen der angeregten Gespräche, sieht auf dem Bildschirm, wie immer mehr Leute Platz nehmen und sobald das Licht ausgeht, gespannt zur Bühne schauen.
Wenn die Vorstellung läuft, stelle ich mir gern vor, dass im Publikum Menschen mit ganz alltäglichen Sorgen sitzen, die sich vielleicht gerade noch Gedanken gemacht haben über eine unbezahlte Rechnung, eine nicht erledigte Hausarbeit oder einen Streit mit dem Chef. Dann geht die Vorstellung los und ich hoffe, dass sie nach ein paar Takten der Overtüre schon anfangen, diese Sorgen ein bisschen zu vergessen und in den nächsten 2 Stunden gar nicht mehr daran denken. Ich wünsche mir, dass sie sich mitnehmen lassen auf die Reise ins New York der Jahrhundertwende, ein bisschen mit Ermengarde leiden, Cornelius und Barnaby auf ihren großen Ausflug begleiten und sich mit Rudolph freuen, dass Dolly endlich wieder im „Harmonia Gardens“ zu Gast ist.
Dann schaue ich wieder auf den Bildschirm, der den Zuschauerraum zeigt, und glaube, hier und da ein paar leuchtende Gesichter auszumachen.
Mir jedenfalls ist es so gegangen, als ich mir das Stück in einer der Durchlaufproben vom Zuschauerraum aus angeschaut habe. Ich habe alles um mich herum vergessen, die Zeit ist viel zu schnell vergangen und ich habe mich anstecken lassen von der Freude, die alle auf der Bühne zu haben schienen. Ich habe Gänsehaut bekommen, als Dolly beschloss, sich die Parade – und das Leben – nicht länger entgehen zu lassen, ich habe vor Spannung die Luft angehalten, als Cornelius und Barnaby sich vor Horace Vandergelder versteckt haben (so lang konnte ich sie allerdings dann doch nicht halten – Luft anhalten und lachen geht nicht gleichzeitig) und war zusammen mit Horace entsetzt, als Ernestina im Restaurant aufgetaucht ist.
Auch wenn ich an der Produktion keinen großen Anteil hatte – ich sitze ja einfach nur so da – habe ich auf meinem Platz hinter der Bühne dann doch das Gefühl, ich wäre Teil von etwas ganz wunderbarem. Etwas, das die Menschen vor der Bühne „verzaubert“, sie eben ihre Sorgen wenigstens für eine kurze Zeit vergessen lässt und allen Beteiligten – egal ob auf, vor, hinter oder unter der Bühne – einfach Spaß macht.
Irgendetwas passiert an so einem Abend, etwas, das ich nicht recht greifen und deshalb auch schlecht beschreiben kann. Aber dieses etwas ist es, weswegen ich mich eine ganze Woche lang auf die nächste Vorstellung freuen kann und weshalb ich unglaublich glücklich und zufrieden bin, wenn ich mich nach getaner Arbeit nach Hause tragen lasse.

So, das war jetzt ein recht langer und etwas konfuser Erklärungsversuch aber vielleicht gibt es ja den einen oder anderen, der versteht, was ich meine?

Einen angenehmen Abend wünscht
Euer Ephraim

Kommentare:

  1. lieber theaterverliebter bär: wenn du einen zauberhaften musikalischen abend ausserhalb der volksoper erleben willst, so empfehle ich dir, den neuen wittenbrink-liederabend im theater in der josefstadt.ich bin überteugt davon, er wird dir zwischen den dolly-vorstellungen richtigen spaß machen.
    alles, alles liebe vom hubertus reim aus dem volksopernchor

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  2. Also ich bin genauso theaterbegeistert wie du, nur eben von der "anderen Seite", und ich finde deinen Erklärungsversuch ganz und gar nicht konfus. Mir "als Publikum" geht es genau so, wie du es beschreibst und da ich die Vorstellung schon so oft gesehen habe, bemerke ich auch die kleinen Unterschiede zwischen den verschiedenen Abenden oder die eine oder andere kleine Panne, was dann für mich noch zusätzliches Vergnügen bedeutet (wenns eine Lustige ist). Manche Leute fragen mich, ob es nicht fad wird, eine Vorstellung öfter anzuschauen, aber das kann ich verneinen, denn es ist immer abwechslungsreich und kein Abend ist wie der andere, ganz im Gegensatz zu einem Film, den man sich öfter anschaut, denn da ist wirklich immer genau das Gleiche zu sehen.

    Ich hoffe, die "Dolly" wird noch viele Jahre gespielt werden!
    Liebe Grüße,
    Karin

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  3. Liebe Karin,
    es freut mich sehr, dass Dir Dolly so gut gefällt und dass es nicht Dir nicht fad wird! Ich finde, das spricht sehr für die Produktion. :)
    Ich hoffe auch, dass es noch lang gespielt wird & weiter so gut besucht ist, wie in dieser Spielzeit.
    Bis Freitag!
    Ephraim.

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